Apr 17 2011

Achtung Baustelle!

Liebe Leser,

in den kommenden Wochen und Monaten wird es ruhiger werden (müssen) bei “Ethics@Work”. Schuld ist ein Buchprojekt, an dem ein Freund und ich aktuell arbeiten. Ich will nicht jammern, aber neben einem anspruchsvollen Job, einer grossen Familie und vielen Buchseiten, die noch geschrieben werden wollen, ist der Blog nicht regelmässig zu befüllen.
Sobald die ersten offiziellen Infos zum Buch vorliegen, werde ich sie hier kundtun – soviel sei schon mal versprochen! Auch die Vorstellung exklusiver Vorab-Auszüge ist fest eingeplant. Stay tuned :-)

Vielen Dank und beste Grüsse,
Uli Coenen

Jun 15 2011

Open Leadership

So heißt das aktuelle Buch der amerikanische Autorin Charlene Li (charleneli.com). Ich habe zuerst gezögert – Ein Leadership-Buch von einer Social Media Beraterin? Ist es das, was die Welt braucht? Ich habe es dann doch gelesen und dabei eine einfache, aber überraschende Erkenntnis gewonnen: Ein moderner Leadership-Anspruch und die Erfolgsfaktoren für gelungenen Einsatz von Social Media liegen enger beieinander, als ich gedacht hätte.

Was zeitgemäße Führung mit Social Media zu tun hat

Es geht aus meiner Sicht nicht so sehr um die Frage, ob Social Media die Art und Weise, wie wir führen verändert (so steht es im Untertitel des Buches). Für mich drängt sich ein ganz anderer Zusammenhang auf: Dieselben gesellschaftlichen und wertebezogenen Veränderungen, die sich aktuell vollziehen (in diesem Blog finden sich einige entsprechende Themen), haben sowohl die sozialen Netzwerke / Medien groß gemacht als auch den neuen Wunsch nach echter Leadership wachsen lassen.

Im Schnelldurchlauf noch einmal die gesellschaftlichen Umbrüche, wie ich sie –im wesentlichen für die westliche Welt- wahrnehme:

1)   Zunehmende Abkehr von der puren Leistungskultur

2)   Sich individualisierende Wertewelten mit stärkerer Betonung von „Sinn“

3)   Deutliche Zunahme von Komplexität und Veränderungsgeschwindigkeit

4)   Abnahme des Vertrauens in Institutionen und Massenkommunikation

Wenn also Charlene Li davon spricht, dass in offenen (Führungs-)kulturen Kontrolle aufgegeben werden muss, dass offene und ehrliche Interaktion notwendig ist, dass Fehlertoleranz gelebt werden muss usw., dann spricht sie in Wahrheit über beides: Über die Grundlagen für gelingende Social Media Strategien UND über die Prinzipien für moderne, offene Führung.

Mir ist es aber wichtig darauf hinzuweisen, dass beide Bereiche eine weitere wesentliche Voraussetzung teilen: Sowohl ein offener Management-Ansatz, also auch die Öffnung hin zu aktivem Social Media Einsatz setzen ein grundsätzlich positives, optimistisches Menschenbild voraus! Wer fest daran glaubt, dass Menschen eher mit Zuckerbrot und Peitsche zu Höchstleistungen getrieben werden, als durch Freiräume; wer der Überzeugung ist, dass Menschen Vertrauen tendenziell eher zum eigenen Vorteil ausnutzen, als für den Erfolg der gemeinsamen Sache, dem ist weder zum Einsatz von Social Media, noch zu einer offenen Führungskultur zu raten. Und das ganz frei von jeglicher Wertung – die eigene Grundhaltung bestimmt einfach zu sehr den Erfolg beider Strategien.

Der Zusammenhang wird offensichtlich, wenn man sich einen Fragenkatalog anschaut, den Charlene Li in Ihrem Buch als Selbsttest für Manager einführt. Folgende „Glaubenssätze“ werden dort nach dem Grad der jeweiligen Zustimmung abgefragt:

-   „Menschen tun das Richtige, wenn Sie die Gelegenheit dazu bekommen“

-   „Menschen sind grundsätzlich konstruktiv und positiv in ihren Rückmeldungen“

-   „Es gibt mehr zu gewinnen als zu verlieren, wenn man Informationen (öffentlich) teilt“

-   „Mitarbeitern kann man de Umgang mit vertraulichen Informationen zutrauen“

-   „Mitarbeiter sollten so viel Information wie möglich erhalten um Ihren Job zu machen“

-   „Ich kann eine Menge von Kunden und Mitarbeitern mit Kundenkontakt lernen“

-   „Wenn mich jemand kritisiert, dann ist dies eine Gelegenheit zu lernen“

-   „Wenn Fehler gemacht werden, dann bietet sich die Chance, aus ihnen zu lernen“

Ich finde es frappierend, wie sehr diese Grundüberzeugungen (oder ihre Ablehnung) sowohl für den Umgang nach Innen (Führung) als auch nach Außen (Marketing, PR, Social Media) charakteristisch sind. Man kann es einer Unternehmenskultur förmlich ansehen, wes Geistes Kind sie ist: eher kontrollierend, misstrauisch oder eher offen und transparent.

Unternehmen sind gut beraten, sich über die eigene Einstellung zu diesen Wertvorstellungen im Klaren zu werden. Nur ein konsistentes Handeln in alle Richtungen – Kunde, Mitarbeiter und Anteilseigner – legt die Basis für nachhaltigen Erfolg. Das kann man glauben oder auch nicht – wer sich allerdings nicht mit der Frage auseinandersetzt, der läuft Gefahr, durch fehlendes kulturelles Alignment seine Kraft für Kämpfe im Inneren aufzubrauchen.

Apr 17 2011

Meet Mr. Ashby – Was modernes Management mit Kybernetik zu tun hat

Mag sein, das die zunehmende Komplexität als Entschuldigung für alles und jedes herhalten muss. Trotzdem ist das Phänomen tatsächlich da und kann nicht ignoriert werden! Vor etwa 20 Jahren war es für die meisten Manager noch möglich, den Großteil der Einzelaufgaben, die in ihrem Zuständigkeitsbereich stattfanden, kennen und einschätzen zu können. Auf dieser Basis konnte eine gute Führungskraft ihre Mitarbeiter steuern, bewerten und anleiten.
Was ist davon übrig geblieben? Kaum ein Job kommt ohne spezialisierte IT-Kenntnisse aus, die nur noch die jeweiligen Experten beherrschen; ab einer bestimmten Unternehmensgröße ist die Anzahl der Schnittstellen nach innen und nach außen unübersehbar geworden; die Veränderungsgeschwindigkeit in vielen Branchen lässt viele Jobs innerhalb weniger Jahre, manchmal nur Monate plötzlich ganz anders aussehen als zuvor. Und das alles sollen Führungskräfte noch überschauen und einschätzen können? Oder gar steuern?
Manager können endgültig nicht mehr des beste Experte Ihres Teams sein
Ganz hart gesagt: Das Management eines Teams aus der Rolle des Fachmanns oder Vorarbeiters ist längst eine Illusion! Viele haben das noch nicht bewusst wahrgenommen oder wollen das auch nicht, aber es ist eine Tatsache.
Die Konsequenz daraus verdeutlicht uns ein kleiner Ausflug in die Kybernetik, genauer zum „Ashbyschen Gesetz“.

Das Gesetz von der erforderlichen Variabilität oder
„das ashbysche Gesetz“
„The larger the variety of actions available to a control system, the larger the variety of perturbations it is able to compensate“. (William Ross Ashby)

Frei übersetzt:
„Um eine zunehmende Menge von Störungen (Komplexität und Veränderungen) bewältigen zu können, benötigt das zugehörige Steuerungssystem eine entsprechend große Variabilität“.
Eine weit verbreitete, aber wissenschaftlich nicht ganz zutreffende Interpretation lautet auch: „Die Komplexität einer Lösung muss immer mindestens so groß sein, wie die Komplexität des Problems“. Würde das stimmen, hätten wir ja als Manager kaum eine Chance, komplexen Problemen zu begegnen ;-)

Was ist nun diese Variabilität, die Ashby aus der Sicht der Kybernetik als notwendige Voraussetzung feststellt? Für einen zeitgemässen Führungsstil könnte es z.B. eine größere Toleranz für Andersartigkeit, Neugier für neue Ansichten und die Veränderung der eigenen Sicht auf Status und Rolle sein. Dem aufmerksamen Leser des Blogs wird das vertraut vorkommen – in der freien Wildbahn mag diese Haltung eher noch die Ausnahme sein…

Mrz 01 2011

Telekom-Frauenquote revisited

Da klopfen sich jetzt aber viele hämisch auf die Schenkel: Weniger als zwölf Monate nach Einführung der 30% Frauenquote schmeißt die Telekom ihre erste Vorzeige-Quotenfrau Anastassia Lauterbach auch schon wieder raus. “Das haben wir doch gleich gesagt” – so schallt es aus dem -eher männlichen- Kreis der Kritiker und das Thema Frauenförderung wird gleich komplett zu den Akten gelegt.

Oh Mann, oh Mann! Bitte erst mal das Hirn einschalten bevor man ein solches Pauschal-Urteil fällt. Wer sich auf einen Einzelfall in einem 250.000 Menschen-Unternehmen stürzt, der hat außer Polemik vermutlich nicht viel im Sinn. Und wer glaubt auf Basis des begrenzten Wissens von Außen ein Urteil zur Sache fällen zu können, der hat seine Bildung -mit Verlaub- ansonsten wohl eher aus der BILD.

Um jedwedem Missverständnis vorzubeugen: Ich bin weder ein Fan der Telekom, noch ein Verfechter der Frauenquote. Trotzdem lohnt ein Blick zurück. Warum hat die Telekom die Quote eigentlich eingeführt?

Wenn man den Worten der streitbaren Telekom-Personalchef Sattelberger – ein Mann mit einer Vergangenheit als linker Aktivist übrigens – glauben schenken darf, dann stehen handfeste wirtschaftliche Erwägungen hinter der gezielten Frauenförderung. Nach seiner Einschätzung sind Unternehmen mit höherem Frauenanteil in der Führungsetage wirtschaftlich erfolgreicher und haben schlicht eine größere Auswahl bei den knapper werdenen Top-Kräften. In diesen beiden Punkte gebe ich dem Mann vorbehaltlos recht!

Ich würde noch einen Schritt weitergehen: Wenn in diesen Tagen an allen Ecken und Enden das aufkommende Zeitalter des “social commerce” ausgerufen wird, wer hat dann -quasi genetisch- für diese neuen Regeln des “Kommerz auf Augenhöhe” und der Ausrichtung am “Maßstab Mensch” die Nase vorn? Könnten das nicht die Frauen sein?

Wer also nun Häme über jene ausgießt, die sich ernsthaft bemühen, in diese Richtung vorzustoßen, der hat aus meiner Sicht noch nicht begriffen, dass man das Thema nicht einfach aussitzen kann. Fachkräftemangel und veränderte Herausforderungen an die emotionale und soziale Intelligenz von Unternehmen rücken eine aktivere Frauenpolitik in den Mittelpunkt des Interesses.

Wer dafür nicht den Weg der Frauenquote beschreiten will, der hat mein vollstes Verständnis. Aber was sonst? Was sind probate Mittel für gute erste Schritte? Ich halte mich mit pauschalen Ratschlägen zurück und schließe den Artikel mit ein paar Fragen an meine männlichen Manager-Kollegen mit der Bitte um ehrliche Antwort an sich selbst:

- Hast Du bei einer Stellenbesetzung schon mal gegen eine Frau entschieden, weil sie vielleicht in den kommenden Monaten/Jahren schwanger werden könnte? Hast Du Dir zumindest diese Frage schon mal gestellt?

- Wie stehst Du zu Teilzeit-Arbeit? Stellt sie für Dich einen Vorteil dar, wenn Du Stellen schaffst und besetzt?

- Wenn Du die Bewerbung eines Mannes in die Finger bekommst: Schaust Du Dir das Foto genauso intensiv und kritisch an wie bei einer Frau?

- Glaubst Du allen Ernstes, dass du Frauen in allen Belangen fair und vorbehaltlos (oder einfach: wie Männer) behandelst?

Noch Fragen?

Feb 13 2011

Hochleistung(s)kultur

Wenn sich ein Unternehmen mit seiner „Leistungskultur“ auseinandersetzt, dann nicht selten wegen der Wahrnehmung, dass genau das fehlt: Leistung. Wann immer ein Management-Team „mangelnde Leistungsorientierung“ als Problem der Firma identifiziert hat, kann diese Feststellung allerdings aus gänzlich verschiedenen Richtungen kommen: Entweder aus Verzweiflung oder aus analytischer Erkenntnis. Wenn Ziele nicht erreicht werden und die Stimmung insgesamt schlecht ist, dann ist eher Verzweiflung der Treiber für die Frage nach der Leistungsorientierung – keine besonders hilfreiche Ausgangslage für gelingende Veränderung der Unternehmenskultur.

Anders sieht es aus, wenn Daten, Fakten und Analysen das Bild stützen. Viele -insbesondere größere- Organisationen haben mit den Jahren ihren Schwung verloren, ihren Siegeswillen, ihren Fokus auf Resultate – die Namen dafür mögen verschieden sein, das Phänomen aber ähnelt sich. Damit die Bewertung der Lage nicht zu eindimensional ausfällt und die Maßnahmen nicht zu sehr aus dem BWL-Handbuch der 70er Jahre kommen, kann eine bestimmte Sichtweise helfen, den Blick zu schärfen:

Es handelt sich dabei um ein einfaches Modell der bereits an anderer Stelle erwähnten Professoren Goffee und Jones.

Zusammenhalt und Zusammenarbeit prägen Leistungs-Kulturen

Im Kern baut das Modell auf zwei grundlegenden Dimensionen auf: „solidarity“ auf der einen Seite (am ehesten zu übersetzen mit „Zusammenarbeit“) und „sociability“ (etwa: „Zusammenhalt“) auf der anderen.

Die Grundaussage lautet: Wenn Zusammenarbeit und Zusammenhalt stark ausgeprägt sind, dann sind beste Bedingungen für gute Leistung gegeben. Mal abgesehen davon, dass man für diese These eine Menge wissenschaftlicher und praktischer Belege finden kann, ist sie auch intuitiv nachvollziehbar und soll daher im Folgenden einfach mal als Vorbedingung gelten.

Um das Modell für eine Analyse einer bestehenden Kultur sinnvoll nutzen zu können, ist es notwendig, die beiden Dimensionen und die zugehörigen Werte und Eigenschaften besser kennenzulernen. Als Einstieg hilft ein Blick auf die vier Quadranten, die sich ergeben, wenn man die beiden Dimensionen auf zwei Achsen abträgt:

Solidarity (Zusammenarbeit)

So harmlos die direkte Übersetzung „Solidarität“ daherkommt, so wenig trifft sie den Kern dieser Dimension. Unternehmenskulturen, die stark auf effiziente Zusammenarbeit ausgerichtet sind, ohne dass ein echter Zusammenhalt besteht, werden leicht als seelenlos oder hart wahrgenommen. Nicht umsonst sprechen Goffee und Jones von einer „Söldner“-Kultur, wenn diese Eigenschaft besonders ausgeprägt ist.

Auf der Rückseite der Medaille kann man bei solchen ziel-getriebenen Organisationen meist aber auch auf einen ganzen Schatz von positiven Fähigkeiten finden: Prozesskompetenz, Wertschätzung für Fähigkeiten, gute Orchestrierung, Zuverlässigkeit, Planbarkeit etc. All dass sind wertvolle Ressourcen, die meist mit einer stark zielorientierten Firmenkultur einhergehen. Ganz bestimmt nichts, was ein kluger Unternehmenslenker aufs Spiel setzen möchte, wenn er die Kultur weiterentwickeln will.

Sociability (Zusammenhalt)

Auch wenn auf den ersten Blick die Eigenschaft „Zusammenhalt“ eher wie das Gegenteil einer „Söldner-Kultur“ wirkt, offenbart der zweite Blick doch grundlegende Fähigkeiten und Ressourcen solcher Kulturen, die weit mehr sind als die reine Abwesenheit einer Söldner-Mentalität.

In „vernetzten“ Kulturen gedeihen Kreativität und Spontaneität. Es wird nach pragmatischen Lösungen gesucht und die Fehlertoleranz ist ausgeprägt. Die Tatsache, dass es dabei eher informell und persönlich zugeht ist nicht automatisch ein Vorteil. Systematisches Vorgehen und die Wiederverwendung von bestehendem Wissen finden nicht unbedingt statt.

Wie kommt man nun zur Hochleistungs-Kultur?

Wie oben beschrieben ist es offensichtlich, dass aus der Kombination der besten Fähigkeiten von Zusammenhalt und Zusammenarbeit ein ideales Ökosystem für Leistungswille und –fähigkeit entstehen kann. Was ein solches theoretisches Modell natürlich nicht verrät ist, wie man eine Organisation in einen solchen Zustand führt.

Die Antwort ist wieder einmal eher schwammig, denn: Es kommt darauf an…

Es kommt darauf an, welche Fähigkeiten und Ressourcen ein Unternehmen besitzt, dieses hehre Ziel zu erreichen. Je nach Ausgangspunkt fällt der Weg zum Gipfel unterschiedlich aus und nur wer um seine Kräfte weiß, kann diese richtig einsetzen. Zu viel blabla?

Konkret ist in jedem Fall zunächst eine solide Standortbestimmung vorzunehmen. Wo sehen die verschiedenen Bereiche, Hierarchien,  Stakeholder etc. das Unternehmen derzeit? Was wird als hilfreich gesehen, was nicht? Mit welchen Dingen fühlt sich die Organisation vielleicht ganz wohl, obwohl diese nicht der Leistungsorientierung dienen?

Und dann: Wo ist der richtige Zielpunkt? Nicht immer ist der Punkt oben rechts im Koordinatensystem der richtige. Vielleicht ist der Weg dorthin einfach zu weit? Vielleicht ist das volle innovative Potential einer Kultur des Zusammenhalts gar nicht zwingend erforderlich und es braucht nur einen leichten Schwenk in diese Richtung?

Wenn man all das für sich klar hat, dann geht die Arbeit erst richtig los. Eine Unternehmenskultur in solcher Weise zu verändern gleicht eher einem Marathon als einem Sprint. Es braucht Herz und Verstand, Chefs und Mitarbeiter, Befürworter und Kritiker, viel Transparenz und eben ganz viel Zeit.

Wer so etwas schon mal mitgemacht hat weiß: Es lohnt sich, Kurs zu halten und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Und: Die Wandlungsfähigkeit einer Organisation hängt stark davon ab, wie ehrlich sie sich auf allen Ebenen infrage stellen kennen. In diesem Sinne ist auch der Weg ein Teil des Ziels!

Jan 27 2011

Generation Ich – Narzissmus auf dem Vormarsch?

Es könnte durchaus sein, dass mich jetzt etwas lächerlich mache – ist es wirkliche eine gute Idee, als bloggender Manager einen qualifizierten Kommentar zum Thema Narzissmus abzugeben? Weder Manger noch Web 2.0 Aktivisten stehen im Kollektivverdacht, ein Ausbund an Selbstlosigkeit oder Philantrophie zu sein. Nein, tatsächlich ist es so, dass beide Gruppen überdurchschnittlich viele Kandidaten enthalten, über die ich nun gerade kritisch zu schreiben gedenke.

Ich lasse also die Frage, ob ich wirklich geeignet bin über das Thema zu sprechen, erst einmal offen…

Was ist Narzissmus eigentlich?

Es ist wichtig festzuhalten, dass ich mir nicht anmaßen will, etwas Stichhaltiges über das psychiatrische Krankheitsbild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu sagen – dazu bin ich nicht angemessen aus- und vorgebildet.

Vielmehr geht es mir um die narzisstischen Tendenzen in unserer Alltagskultur, die zwar allenthalben sichtbar sind (und immer schon waren), aber keiner klaren Definition unterliegen. Zum Zwecke solcher Klarheit würde ich -ganz subjektiv- eine Person als tendenziell narzisstisch bezeichnen, die mindestens drei der nachfolgenden Aspekte auf sich vereint:

  • Ausgeprägter Hang zu Selbstdarstellung, Selbstverliebtheit oder Arroganz
  • Starker Ich-Bezug in Beziehungen
  • Nachhaltige Bindungsprobleme oder –ängste
  • Übertriebene Selbstverliebtheit, Eitelkeit oder Selbstüberschätzung
  • Phasen starker Verunsicherung, tiefer Melancholie oder extremer Wut

Wer es ein wenig genauer haben möchte, kann DIESEN KURZTEST ausprobieren. Es handelt sich dabei um eine verkürzte Version des „Narcissim Personality Inventory (NPI)“.

Die Tragik des Narzissten

Ein Narzisst nährt sich überdurchschnittlich stark aus der Anerkennung Anderer, ohne diese jedoch wahrhaftig annehmen zu können. Das wirklich Tragische dabei ist, dass –zumindest unbewusst- ein Gefühl der Leere zurückbleibt, selbst wenn ihm Bewunderung zuteil wird. Als Kinder haben Narzissten häufig sehr um die Liebe ihrer Eltern kämpfen müssen, die ihnen –wenn überhaupt- nur durch große Leistung zuteil geworden ist. Mancher vermutet hinter dem aufgeblasenen Ego eines Narzissten einen Ruf nach Liebe eines Menschen mit eigentlich geringem Selbstwert. Wäre dem so, dann wäre narzisstischen Menschen vielleicht leichter beizukommen, indem man ihnen mit echter Zuneigung und Bestätigung begegnet.
Vieles spricht jedoch dafür, dass das Gefühl der Grandiosität bei Narzissten durchaus authentisch ist und nicht nur pure Fassade eines innerlich unsicheren Menschen. Zwar geht es auch dem selbstbewussten Narzissten um die Anerkennung anderer – seine Fähigkeit, diese zu erwidern ist allerdings begrenzt.

Dieser Hintergrund ist nach meiner Einschätzung der wichtigste Schlüssel, narzisstisch veranlagte Menschen zu verstehen und mit ihnen auszukommen. Doch dazu später mehr.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Fast jeder Mensch hat egozentrische oder selbstverliebte Anteile ohne dass dies ein Problem darstellen muss. Umgekehrt ist nicht jeder Mensch, der stark in Richtung Narzissmus tendiert ein schlechter Mensch oder ein Soziopath. Mir ist lediglich daran gelegen, auf den offensichtlichen Umstand einer stattfindenden gesellschaftlichen Veränderung und möglicher Konsequenzen hinzuweisen. Zu diesem Zweck ist ein wenig modellhafte Vereinfachung nicht zu vermeiden.

Der Narzissmus ist auf dem Vormarsch

In einer repräsentativen Langzeitbeobachtungen unter amerikanischen Studenten ist der Anteil von Personen mit narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen in den letzten drei Dekaden kontinuierlich auf rd. 25% angestiegen (s. Twenge/Campbell – The Narcissm Epidemic). Neben vielen „gefühlten“ Anzeichen einer mehr und mehr ich-bezogenen Gesellschaft, ist dies ein harter Messwert, um den man nicht herum kommt.

Ich nehme an, dass diese Werte in Europa (noch) nicht erreicht sind, gehe aber davon aus, dass sich die Tendenz nicht unterscheidet. Es ist letztlich auch nicht so wichtig, welche quantitativen Werte nun die richtigen sind , denn auch qualitativ ist der Trend nicht zu übersehen. Um nur die ein paar der weit sichtbaren Leuchttürme wachsender Ich-Bezogenheit zu nennen: Casting-Shows, Facebook-Exzesse,  Steigende Schönheitsoperationen, Sinkendes soziales Engagement, boomende Fitness-Studios, Ratgeber-Flut, Erziehungsversagen und so weiter.

Allen Phänomenen ist gemeinsam, dass es darum geht, das eigene Bild nach außen zu verbessern wobei meist im gleichen Maße die mitfühlende Sicht auf den Rest der Welt vernachlässigt wird. Jeder kann ein Star sein, wenn er nur will; jeder kann aus seinem Leben etwas Besonderes machen, wenn er nur artig die vielfältigen Tipps beherzigt, welche ganze Branchen boomen lassen.

Ich habe es schon an anderer Stelle betont: Ich bin kein Kulturpessimist und will mit diesem deutlich verkürzten Blick auf die Lage auch keine Gräben aufwerfen. Ich finde aber, dass wir zur Kenntnis nehmen sollten, dass da draußen etwas Grundlegendes passiert.

Soviel erstmal zum „Was“ – das „Warum“ hingegen fällt mir schon schwerer. Ich bin ganz und gar nicht dafür, einfache Schuldzuweisungen an die Medien, das Internet, die zerbrechenden Familienstrukturen oder die Kommerzialisierung der Kinderzimmer zu verteilen, selbst wenn alle diese Faktoren ihren Teil zur Entwicklung beitragen mögen. Ohne es belegen zu können glaube ich, dass es tiefer liegende gesellschaftliche Umwälzungen sind, die sich aus Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, 68er, Wall Street Kapitalismus und grünem Wandel quasi als dialektisches Pendel nicht nur hin und her, sondern auch kontinuierlich weiter nach vorne entwickeln (wobei „vorne“ hier ganz

wertfrei gemeint ist). Ich bin deshalb davon überzeugt, dass die aktuelle Entwicklung in der Rückschau eher den Charakter einer vorübergehenden Phase haben wird – das hilft für den Moment allerdings herzlich wenig.

Im Augenblick müssen wir uns vor allem fragen: Wenn die narzisstische Epidemie tatsächlich um sich greift, was heißt dies dann konkret für unser Leben und Arbeiten?

Ein möglicher Zugang ist ein Blick auf die verschiedenen –stark überzeichneten- Typen von Narzissten, die uns tagtäglich begegnen. Wenn wir diese besser verstehen lernen, dann finden wir auch Hinweise, wie wir den Umgang mit Ihnen gestalten können.

Typ 1 – Die smarten Karriereprofis

Es dürfte leicht fallen, sich den vermeintlichen Prototypen eines selbstverliebten und asozialen Karrieristen vorzustellen, der für seinen eigenen Vorteil über Leichen geht. Egal wie aufgeblasen dieses Klischee in den Medien bisweilen daherkommt – das es nicht völlig unberechtigt ist, zeigen alleine schon bestimmte Aspekte der Finanzkrise. Gier und Selbstüberschätzung sind zwei regelmäßige Begleiter derjenigen, die sich um ihrer selbst und ihres Vorteils willen über Anstand und Vernunft hinwegsetzen.

In abgeschwächtem Maße kennt man diesen Typus auch im eigenen Umfeld. Wobei solche Menschen trotz ihres häufig amoralischen Verhaltens auf den ersten Blick meist nicht unsympathisch oder arrogant wirken müssen. Im Gegenteil: Viele narzisstische Menschen sind an der Oberfläche smart, charmant und unterhaltsam. Schließlich besteht bei ihnen ja der Wunsch gemocht -mehr noch- bewundert zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen sind in unserer Gesellschaft eine Reihe von Eigenschaften notwendig, die Narzissten nicht selten für sich perfektioniert haben.

Erst wenn es mit der Bewunderung nicht mehr so funktioniert oder Kritik an seiner Person geäußert wird, zeigt sich eine weniger angenehme Seite des Narzissten. Wut, Überheblichkeit, Abwendung oder Bösartigkeit sind dann die üblichen Reaktionen des Getroffenen.

Nicht selten schafft es dieser Typ Manager, sich einigermaßen unbeschadet von einem Job zum nächsten zu hangeln, da die schnell bröckelnde Zufriedenheit mit seinem Sozialverhalten (und ggf. auch der Nachhaltigkeit seiner Leistung) ihm den Verbleib in einem Job oder Unternehmen schwermacht. Ihre Fähigkeit, andere Menschen schnell für sich einzunehmen, ermöglicht solchen Menschen nicht selten, den notwendigen Jobwechsel als Karriereschritt für sich zu nutzen. Dieser Mechanismus wirft zwar gleichzeitig ein schlechtes Licht auf die Qualität der Besetzung von Führungspositionen, ist aber leider ein häufig zu beobachtendes Muster.

Wie geht man nun mit solchen Menschen um, wenn man beruflich mit ihnen zu tun hat? Was kann man tun, wenn so jemand, anstatt im kollegialen Miteinander seinen Beitrag zu leisten, nur sich und sein eigenes Wohl im Sinn hat? In jedem Fall darf man sich nicht der Mission verschreiben, solch einen Charakter zu therapieren – solange der Betreffende mit seinem Verhalten subjektiv erfolgreich ist, hat er kein Interesse daran. Wie in vielen schwierigen Situationen ist zunächst einmal die Sachebene die einzig richtige, um klarzukommen. Wenn es sich um einen Vorgesetzten handelte, dann würde ich –so schwer es mir fiele- durchaus opportunistisch agieren und mich zumindest kommunikativ auf ihn einstellen. Sachliche Opposition darf und muss immer möglich sein, aber am besten mit einem wohlwollenden kommunikativen Schleifchen drumherum. Ich halte zwar nichts davon, dass sich Organisationen dauerhaft um  einzelne schwierige Menschen herumbiegen müssen, aber in diesem Fall versagen die meisten Methoden des „Managements nach oben“ durch schlichte Unbelehrbarkeit. Wenn die Organisationskultur ausreichend Transparenz zulässt, dann werden solche Menschen zumindest mittelfristig enttarnt und nicht selten auch entlassen.

Anders sieht es bei Mitarbeitern und Kollegen aus. Dort ist beherztes Einschreiten gefragt. Am Wichtigsten ist es, die tatsächlichen Leistungen der betreffenden Person transparent zu machen, soweit es irgendwie geht. Hinter der scheinbaren Grandiosität verbirgt sich nämlich nicht selten nur ein Mittelmaß an Fähigkeiten.

Wenn der Narzisst sich dieser Transparenz stellt und an seinen Defiziten arbeitet, dann kann er seinen Platz im Team vielleicht finden. Viele Narzissten werden sich allerdings herausgefordert fühlen oder schlicht beleidigt sein – so jemand zeigt vielleicht deutlicher als zuvor sein wahres Gesicht und wird damit zumindest weithin als Problemfall sichtbar.

Das klingt alles sehr hart und ist auch so gemeint. Wer für sein eigenes Wohlergehen Teamgeist und Unternehmenserfolg missachtet, der bezieht im Zweifel sein Gehalt nicht zu Recht.

Typ 2 – Die Unverstandenen

Der –seltenere- Typus des ewig unverstandenen Genies ist in der Regel nicht so schnell als Narzisst zu entlarven, weil er sich nicht offensichtlich in den Vordergrund spielt. Ich bezeichne solche Menschen als Geisterfahrer, mit einer gestörten Selbstwahrnemung – wie in dem alten Witz „Ein Geisterfahrer? Hunderte!“ Entsprechend kennzeichnend für diesen Typus ist eine große Uneinsichtigkeit und Veränderungsresistenz, und zwar nicht aus Angst, sondern aus der tief empfundenen Überzeugung, es doch besser zu wissen als alle anderen. Diese Menschen findet man eher selten in Führungspositionen, aber als Mitarbeiter können sie schon eine Herausforderung sein – sie haben zwar das übertriebene Selbstbewusstsein der „smarten Narzissten“, nicht aber deren Charme. Da auch sie sich nur schwer in ein Team eingliedern lassen und gleichzeitig viel Zeit auf ihren Widerstand statt auf produktive Leistung verwenden, lassen sie sich nicht einfach ignorieren.

Auch bei ihnen gilt: Konsequente Transparenz der erbrachten Leistung! Selbst wenn die Versuchung groß ist: Eine Konfrontation des betreffenden mit seinem verzerrten Selbstbild ist hingegen eher aussichtslos, da der Unverstandene die Fehler immer bei anderen suchen wird.

Typ 3 –Die Millenium Kids

Vorab eine große Entschuldigung: Es ist nicht richtig, alle Vertreter der Millenium Kids pauschal als Narzissten zu betiteln. Wenn ich also im folgenden etwas lax mit der Abgrenzung umgehe, dann bitte ich das so zu verstehen: Gemeint sind diejenigen Vertreter der Gruppe, auf welche die oben beschriebenen Merkmale narzisstischen Verhaltens zutreffen. Das sind in der Gruppe zwar überproportional viele, aber bei weitem nicht alle!

Wer sind sie denn nun, diese Millenium Kids (auch bezeichnet als „Generation Y“ in Abgrenzung zur „Generation X“, also den Babyboomern)? Gemeint sind die Geburtenjahrgänge ab Ende der 70er, die seit dem Jahrtausendwechsel in den Arbeitsmarkt gekommen sind. Bei dieser Generation lässt sich (durchaus in Analogie zu den amerikanischen Studenten, die oben erwähnt wurden) eine Veränderung ihres Wertegerüstes und ihrer Einstellung zur Arbeit feststellen.  Wer Mitarbeiter unterschiedlicher Alterstufen führt, der wird es vielleicht schon bemerkt haben. Unabhängig von vermehrt auftretenden narzisstischen Tendenzen, sind viele Mitarbeiter im entsprechenden Alter auf eine andere Weise selbstbewusst – sie stellen Hierarchien in Frage; fragen stärker nach dem Sinn ihrer Arbeit; wollen sich nicht gerne starren Arbeitszeiten unterwerfen; wollen gesehen und gehört werden, und machen diesen Anspruch auch deutlich. Das ist erst einmal nichts Schlechtes, zumal im Gegenzug auch die Bereitschaft vorhanden ist, sich mit hohem Einsatz ihren Themen zu widmen.

Bei manchen allerdings findet das alles in einer übersteigerten Form statt. In einer Form, die zum einen das übrige Team missachtet und zum anderen in weit überproportionalem Maße  Aufmerksamkeit und Zeit für die Führungskraft bedeutet. Ich möchte ein anderes Mal noch etwas mehr auf dieses Phänomen eingehen, aber für den Augenblick stelle ich fest: Mir fehlen derzeit noch die Ideen, wie ich mit diesem Trend umgehen möchte, denn wie oben beschrieben, glaube ich ganz fest, dass dies ein sich verstärkendes Phänomen ist. An dieser Stelle habe ich daher auch keine schlichten Rezepte parat, wie man den Umgang mit jungen Narzissten gut gestalten kann, wenn man gleichzeitig ihr kreatives Potential für das Unternehmen nutzen möchte. Vielleicht ist dies ja ein Ansatzpunkt für den einen anderen Kommentar im Blog oder per Mail?

Fazit

Ich bin mir zwar immer noch nicht ganz sicher, ob ich gut geeignet bin, über Narzissmus zu schreiben, aber das Thema beschäftigt mich doch sehr. Wenn auf der einen Seite gute emotionale und soziale Fähigkeiten -für mich unbestreitbar- notwendig sind, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern, auf der anderen Seite aber eine wachsende Zahl narzisstischer Menschen genau diese Fähigkeiten nicht bieten kann, dann macht mich das nicht glücklich.

Vielleicht können wir darauf hoffen, dass dieser Trend nicht allzu stark über den großen Teich schwappt, sicher wäre ich mir da aber nicht.

Jan 19 2011

Freiheit und Freiraum

Es muss an mir liegen. Seit einiger Zeit begegnen mir die beiden Begriffe unaufhörlich und vermutlich ist es nun nur logisch, mir diese scheinbar zufälligen Begegnungen  mit etwas Schreiben zu erschließen.

Ganz im Ernst: Das „Freie“ scheint gerade en vogue zu sein. Vom Titelthema der aktuellen brand eins über Jonathan Franzens neuem Werk „Freedom“ bis hin zu manchen aktuellen Fragen, die im Job und anderswo gerade im Raum stehen – das Thema ist wohl einfach „dran“.

Ich will nicht bei Adam und Eva anfangen, daher versuche ich es mal mit einer simplen Ein- bzw. Abgrenzung. Wenn Janis Joplin singt „Freedom’s just another word for nothing left to loose“, dann hat mich das immer schon irritiert. Inzwischen weiß ich auch warum: Wer nichts zu verlieren hat, den mag auf der einen Seite zwar nichts besitzen (was gut sein kann), der trägt aber andererseits auch für Nichts und Niemanden Verantwortung – eine Einstellung, die für mich an den Grundfesten des Zusammenlebens rüttelt. Vielleicht ist Joplin mit diesem impliziten Verständnis von der Übernahme von Verantwortung aktueller denn je – zumindest ist die Bereitschaft Verantwortung im Privaten und Öffentlichen zu aktzeptieren nach meiner Wahrnehmung insgesamt eher auf dem Rückzug.

Wie dem auch sei: Wenn Freiheit etwas mit der Übernahme von Verantwortung zu tun hat, dann kann eine passende Frage lauten: „Freiheit wozu?“ oder anders formuliert: „Wenn ich frei bin in meinen Entscheidungen, für welches Leben, für welche Taten, für welche Ziele entscheide ich mich?“

Am Rande bemerkt und doch ganz wichtig: Zweifellos ist es ein großes Privileg unserer Zeit und der westlichen Gesellschaften, eine solche Frage überhaupt stellen zu können. Die freiheitliche Grundordnung – gerade auch in Deutschland – macht die persönliche Freiheit, den eigenen Lebensentwurf wählen zu können, schließlich erst möglich. Das war beileibe nicht immer so und viele Menschen haben ihr Leben gelassen bis wir an diesen Punkt gelangen konnten. Ich finde, das darf und sollte nicht vergessen werden.

Zurück zur persönlichen Freiheit: Was tun mit der Qual der Wahl? Habe ich die Kraft und die Ideale, diese Freiheit zu nutzen? Sie in persönliche Freiräume umzuwandeln, die ich ausbaue und gestalte? Oder lasse ich mich eher treiben und nutze die gelegentlich sich bietenden Freiräume opportunistisch zu meinem Vorteil (oder ebenso zufällig auch mal für andere)?

Moral und gesellschaftliche Konventionen

Ich ahne, dass hier ein moralischer Zeigefinger ins Bild kommt, und wer ihn findet, darf ihn gerne behalten ;-) Ich bin nun einmal Überzeugungstäter und kann nicht umhin, die persönliche Freiheit und die sich aus ihr ergebenden Freiräume auch als Verpflichtung zu sehen.

Ich will es mal so sagen: Unser Rechtssystem kennt den Begriff der „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“, d.h. jeder, der etwas besitzt, muss auch die damit einhergehenden Folgen für die Allgemeinheit abschätzen und tragen. Niemand spricht aber von der „Sozialpflichtigkeit der Freiheit“. Werde ich zur Kasse gebeten, wenn ich wichtige Entscheidungen und Handlungen für die Allgemeinheit unterlasse? Wenn ich zum Beispiel entscheide, dass ich nicht zur Wahl gehe oder mich nicht sozial engagiere? Natürlich nicht, denn das würde die Freiheit ja gerade wieder einschränken, fast schon konterkarieren. In früheren Zeiten gab es allerdings einen heftigen moralischen Erwartungsdruck, sich gewissen Konventionen im Umgang mit seinen Freiräumen zu unterwerfen (Kirchgang, Kehrwoche, Almosen und zahllose andere), die der Allgemeinheit oder zumindest einem soliden Lebenswandel zuträglich sein sollten. Auch wenn wir meist froh sind, dass diese moralischen Zwänge nicht mehr in dieser Form existieren, so lässt sich doch fragen: Was ist an ihre Stelle getreten? Welchen inneren oder äußeren Druck verspüren wir heute noch, die Frage nach „Freiheit wozu?“ im Sinne einer allgemeinen Verantwortung oder einem höheren Ziel zu beantworten?

Ich will nicht unfair sein: Ein Menge wichtiger gesellschaftlicher Entwicklungen der letzten Jahrzehnte (Frauenbewegung, Friedensbewegung, Ökologie-Bewegung etc.) haben ihren Weg genommen, obwohl es anfänglich keine gesellschaftliche Konvention gab, die sich dafür stark gemacht hätte. Immer wieder gibt es Menschen die konsequent und mutig sind, ihre Freiheit und ihre Freiräume im Großen und im Kleinen in den Dienst einer guten Sache oder ihrer Überzeugung zu stellen – gefühlt bleiben diese aber stets in der Minderheit.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Wer hier nun Kulturpessimismus wittert, den kann ich beruhigen. Ich schaue immer noch eher zuversichtlich in die Zukunft, denn das Phänomen der „trägen Masse“ ist so alt wie die Menschheit selbst und läutet damit auch nicht den Untergang des Abendlandes ein. Ich sehe allerdings drei wichtige Konsequenzen, die sich aus den genannten Einsichten für die Führung und Veränderung von Organisationen ableiten:

  1. Freiräume in der Führung sind eine komplexe Angelegenheit
    In meinem Bild von zeitgemäßer Führung haben Freiräume ein große Bedeutung. Ich bin grundsätzlich tief davon überzeugt, dass zu den Aufgaben, die wir delegieren, immer auch das dazu passende, ausgewogene Maß an Verantwortung und Freiraum übergeben werden muss.
    Mehr noch – ich versuche für Eigeninitiative und Selbstaktivierung Raum zu geben, damit das Potential jedes Mitarbeiters ausgeschöpft werden kann; nicht allein aus Gründen der Motivation, sondern auch zum Wohle des Unternehmens.
    Nun kommt aber die Krux: Das klappt beileibe nicht immer so gut, wie ich es mir vorstelle. Es ist ja in Ordnung, dass nicht jede Art von Ermunterung zu Eigenständigkeit auf fruchtbaren Boden fällt; zu vielfältig sind die Gründe, warum der gebotene Freirum auch mal nicht gut genutzt werden kann. Aber ganz offen gesagt: Manche von diesen Gründen empfinde ich als vorgeschoben oder zumindest fragwürdig. Wenn mancher sich mehr Selbstverwirklichung und Freiheit wünscht, heißt das nicht unbedingt, dass er die damit verbundene Verantwortung, diese –im Sinne des Unternehmens- auch zu füllen und zu gestalten- auch wirklich annehmen mag. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen gleichermaßen auf Arbeitnehmer-, wie auch auf Arbeitnehmer-Seite.
    Ich bleibe in jedem Fall bei meinem uneingeschränkten Ja für Freiräume im Job – es bedarf aber auch eines klugen Rahmens, der die zugehörige Verantwortung –Nehmen und Geben- klar regelt. Und es braucht eine grundlegende Kultur der Verantwortung, die da notwendige Geben und Nehmen zum festen Bestandteil einer „Unternehmens-DNA“ macht.
  2. Wenn Konventionen und Kultur zur individuellen Nutzung der Freiheit fehlen, dann bedarf es eines neuen Paktes
    In fast erschreckender Weise wird man bisweilen mit den Auswirkungen eines allzu weit getriebenen Freiheitsverständnisses konfrontiert. Ein Kollege nennt das manchmal schlicht „fehlenden Alltagsanstand“, was es gut trifft. Wo der Konsens zu den Regeln eines geordneten Miteinanders bröckelt, dann nehmen Grenzüberschreitungen zu; das können verbale Ausreißer, Anmaßung, fehlende Wertschätzung und viele Dinge mehr sein, die sicht –gefühlt- ausbreiten.
    Nun ist es nicht Sache eines einzelnen Unternehmens, einen neuen gesellschaftlichen Grundkonsens zur sozialverträglichen Nutzung der individuellen Freiheiten zu erfinden, aber etwas in der Art wäre schon hilfreich. Ich habe nicht den Anspruch, einen solchen neuen Pakt aus dem Ärmel zu zaubern, aber ein toller Anfangspunkt wäre es nach meiner Meinung, wenn man dem gegenseitigen Respekt ganz ausdrücklich eine größere Bedeutung beimessen würde. Man muss ja nicht gleich ein neues Schild mit Unternehmenswerten in der Eingangshalle aufhängen, aber ein respektvoller Umgang kann an vielen Stellen in Unternehmen vorgelebt und eingefordert werden. Kann man ja mal drüber nachdenken…
  3. Unternehmen dürfen trotzdem nicht nachlassen, Freiräume für Mitarbeiter und Manager zu schaffen
    Wer angesichts der Herausforderungen die sich im Umgang mit Freiheit und Freiräumen auftun nun in alte Muster zurückfällt, Kontrollen verstärkt und streng hierarchisch führt, der macht einen großen Fehler. Die Komplexität der Wirtschaft als Ganzes und eines größeren Unternehmens als Bestandteil derselben ist nicht mehr stur „Top-Down“ zu bewältigen. Es gibt nur noch systemische Lösungen und diese sind immer mit echter Delegation von Verantwortung und den zugehörigen Freiräumen verbunden. Auch wenn es sich mancher wünscht und sich gar etwas anderes vormacht: Vertrauen, Freiräume und die Weitergabe von Verantwortung sind in unserer Zeit ohne Alternative – also sollten wir den Rahmen dafür gestalten!
Jan 09 2011

Warum sollte sich eigentlich jemand von mir führen lassen?

Hand auf’s Herz: Welche Führungskraft hat sich diese Frage schon mal gestellt? Ich behaupte, dass wir uns als Manager im Grunde sehr gerne darauf verlassen, dass unsere Mitarbeiter letztlich keine andere Wahl haben, als die Tatsache zu akzeptieren, dass wir nun einmal ihre Vorgesetzten sind.

Tatsächlich ist die Frage aber sehr berechtigt: Wie bin ich als Führungskraft aus der Sicht meiner „Geführten“? Folgen mir meine Mitarbeiter nur, weil nun einmal „Chef“ an meiner Tür steht oder was spielt sonst eine Rolle?

Diesen Wechsel der Perspektive haben die britischen Professoren Robert Goffee und Gareth Jones als Aufhänger ihres 2006 erschienen Buches „Why Should Anyone Be Led by You?: What It Takes To Be An Authentic Leader“ gewählt. Herausgekommen ist ein mit praktischen Beispielen durchmischtes Buch, welches man als eine Art „Best Practice“ für zeitgemäßes Führen ansehen könnte. Weil dies aber kein Blog mit Buch-Rezensionen ist, habe ich mir erlaubt bei der nachfolgenden Zusammenfassung der wichtigsten Thesen meine ganz eigene Sicht der Dinge einfließen zu lassen.

Sei du selbst –mehr noch- mache es zu einer Fähigkeit

Das zentrale erste Kapitel bringt es auf den Punkt: Authentizität ist der Schlüssel zu gelingender Führung. Wie im entsprechenden Blog-Artikel beschrieben, ist authentisches Verhalten aber eine komplexe Angelegenheit.

In einem Gespräch mit einer jungen Führungskraft über authentisches Führen wurde mir ein wichtiger Aspekt des Problems deutlich. Sinngemäß war das Resümee der betreffenden Person:

„Das ist ja toll, dass ich jetzt im Job ganz ich selbst sein darf! Ich finde es auch furchtbar anstrengend, bei der Arbeit jemand anders sein zu müssen als im Privatleben! Meinen Kollegen und Mitarbeitern gehe ich mit meiner quirligen Art schnell auf die Nerven. Deshalb habe ich schon oft zu hören bekommen, dass ich mich ändern muss, wenn erfolgreich sein will. Wenn ich jetzt aber doch authentisch sein darf, dann muss ich mich nicht so verbiegen.“

Die Aussage ist natürlich etwas überspitzt wiedergegeben, offenbart aber einen wichtigen Kern: Nicht jede Eigenart und jede individuelle Verhaltensweise, die wir subjektiv als „authentisch“ wahrnehmen, ist dazu geeignet, unser Führungsverhalten zu verbessern. Wie also soll jemand als Führungskraft authentisch sein, wenn er sich ständig Gedanken machen muss, was von seinem genuinen Verhalten tatsächlich auch hilfreich ist?

Diesem –scheinbaren- Zielkonflikt werden in den folgenden Kapiteln verschiedene Strategien und Ideen entgegengesetzt, die zum Konzept einer „authentischen Führungskraft“ passen. Eben Authentizität als Fähigkeit.

Kenne dich und gebe dich (genug) zu erkennen

Hier kommen wir wieder zu einem der Themen, die mir sehr am Herzen liegen: Selbstreflektion für Manager. Spannend ist, dass Goffee und Jones sehr deutlich machen, dass ein zu hohes Maß an Wissen über die eigene Persönlichkeit durchaus hinderlich dabei sein kann, authentisch führen zu können. Umgekehrt ist es aber ohne ein angemessenes Maß an Reflektion über das eigene Tun und Handeln kaum möglich, dem Ideal näher zu kommen.

Reflektion ist dabei kein Selbstzweck – das Wissen, welches man über die eigene Person erwirbt, kann man gezielt preisgeben, um nahbarer und menschlicher zu wirken. Was dabei in Summe herauskommt ist nichts weniger als: Persönlichkeit. Eigenheiten und Besonderheiten machen uns letztlich aus und erhöhen die Bereitschaft anderer, uns als wahrhaftig zu erkennen und uns und unseren Ideen zu folgen.

Wer darin auch einen Anteil Eigen-Marketing entdeckt, der liegt nicht ganz falsch – wie bei Produkten und Marken gilt aber auch hier: Die Werbeaussage sollte besser nichts versprechen, was der Alltag nicht halten kann. Mit anderen Worten: Aufgesetzte Verhaltensweisen zu präsentieren, ist für authentische Führung völlig ungeeignet.

Gehe ins persönliche Risiko

Vor wem habe ich mehr Respekt – vor einem Menschen, der im Wesentlichen tut was von ihm erwartet wird oder vor jemandem, der für seine Überzeugungen eintritt, auch wenn es mal unbequem oder gar riskant ist?

Die Antwort dürfte eindeutig ausfallen. Selbst vor Zeitgenossen, mit denen wir ansonsten nicht allzu sehr konform gehen haben wir meist Hochachtung, wenn sie sich gegen Widerstände für ihre Sache einsetzen. Umso mehr gilt das natürlich, wenn der Betreffende sogar auf meiner Seite kämpft. So verhielt es sich in früheren Zeiten mit manch großem Heerführer. Wer sich als Feldheer mit der Infanterie in die vorderste Frontlinie begab (und dort auch während eines blutigen Gefechts blieb), dem war die tiefe Anerkennung, ja sogar Ergebenheit seiner Truppe sicher.

Letztlich ist es diese Art von Respekt, die auch in der Führung einen gewaltigen Unterschied macht. Selbst ein freundlicher und zuvorkommender Vorgesetzter, der aber keine klare Linie verfolgt und für diese eintritt, kann mittelfristig nicht auf die Unterstützung seiner Mannschaft hoffen. Wer aber erhobenen Hauptes für seine Themen und seine Leute in die –sinnbildliche- Schlacht zieht, der darf auch seine menschlichen Ecken und Kanten haben; diese werden ihm viel eher nachgesehen als anderen.

Mit dieser Grundeinstellung ist ein weiterer Schritt in Richtung authentischer Führung getan – genauer gesagt sogar zwei: Zum einen steht jemand der ins persönliche Risiko geht für etwas und setzt sich damit bereits individuell ab; zum anderen „darf“ so jemand in der Wahrnehmung seiner Umwelt auch ein wenig mehr Eigensinn und Individualität wagen, weil es ihm leichter verziehen wird.

Lese und gestalte den Kontext

„Alle Führung ist kontextuell“ – das klingt erst einmal wie ein universeller Disclaimer nach dem Motto: „Manchmal ist ein bestimmtes Verhalten klug, in einer anderen Situation aber ausgesprochen dämlich“. Was auf den ersten Blick anmutet wie eine generelle Absage an „richtiges“ oder „falsches“ Führungsverhalten hat aber einen wichtigen Hintergrund: Es geht um die Fähigkeit, Situationen und Menschen richtig einzuschätzen.

Zusätzlich zu oben genannter Fähigkeit sich selbst zu hinterfragen braucht es für angemessenes Verhalten in entsprechenden Situationen auch ein gutes Maß an Empathie. Nur im Zusammenspiel dieser beiden Fähigkeiten kann es gelingen, einen bestimmten Kontext in dem man sich befindet auch zu erfassen.

Während das Verstehen einer Situation in der Regel bei vielen Menschen noch einigermaßen automatisch und im besten Fall intuitiv richtig passiert, gilt das für die Gestaltung dieses Zusammenhangs schon nicht mehr.

Egal ob jemand neu in ein Unternehmen kommt, eine heikle Mission zu erfüllen hat, andere überzeugen möchte oder einfach „nur“ ein inspirierendes Mitarbeitergespräch führen möchte – es ist gerade diese Fähigkeit angemessene (und meist nur kleine) Veränderungen des Kontextes vorzunehmen welche eine Situation gelingen lässt.

Die Gestaltungsmöglichkeiten für diese Art von Veränderungen sind vielfältiger als wir glauben. Angefangen mit kleinen symbolischen Zeichen (Gesten, Sprache, Setting etc.) bis hin zu grundlegenden und explizite Maßnahmen (Sitzordnung, Agenda, etc.) reicht das Spektrum der Möglichkeiten, welches vor oder während einer bestimmten Situation zur Verfügung steht.

Es ist immer wieder erstaunlich, aber eine wohlgesetzte Anpassung des Kontextes kann bisweilen mehr positive Veränderung bewirken als so manches aufwändige Change-Instrument.

Bleibe authentisch, aber passe dich ausreichend an

Neben der Gestaltung persönlicher Kontexte gibt es auch eine organisatorische Komponente authentischer Führung. Je herausgehobener die Position ist, in der man sich befindet oder in die man hineinkommt, desto deutlicher wird das Problem. Viele werden es in der einen oder anderen Ausprägung schon einmal erlebt haben; zum Beispiel mit dem neuen Chef, der unmittelbar nach Amtsantritt den Kampf an allen Fronten in der Organisation aufnimmt. Die Absicht dahinter mag völlig in Ordnung sein, aber das Ergebnis kann verheerend ausfallen. Wenn der betreffende seine ersten Wochen in der Organisation überhaupt überlebt, dann meist nur mit ordentlichen Kratzern am Lack.

Was passiert in solchen Situationen? Sollte man nicht meinen, das so jemand in höchstem Maße authentisch und einem inneren Antrieb folgend losgelaufen ist? Ist Authentizität also doch nicht so toll?

Die möglicherweise unbefriedigende Antwort lautet: Es kommt darauf an. Solange jemand in einem Unternehmen/einer Organisation grundsätzlich „richtig“ ist, d.h. seine Einstellungen und Werte im Großen und Ganzen zur Unternehmenskultur passen, dann ist dieser Jemand gut beraten, seine Energie und seinen Veränderungswillen so zu kanalisieren, dass sie zur Veränderungsgeschwindigkeit und –fähigkeit der Organisation passen. Im Grunde eine banale Erkenntnis, die man sich vor dem Hintergrund des Anspruchs authentischer Führung aber besonders zu Herzen nehmen sollte. Kurz gesagt: Der eigene Drang, möglichst authentisch zu wirken findet seine Grenzen in dem, was eine Organisation oder Unternehmenskultur (er-)tragen kann.

Gestalte soziale Distanz

„Hi John, I’m sorry to tell you, that you are fired! Please don’t take it personal!“

Das ist ein Gesprächsauftakt, den sich im deutschsprachigen Raum analog wohl niemand realistisch vorstellen kann. Offenbar fällt es im englischen Sprachraum viel leichter demjenigen mit dem man gestern vielleicht noch kumpelhaft ein Bier getrunken hat heute schon die Kündigung auf den Tisch zu legen, oder?

Auch wenn im angelsächsischen, insbesondere nordamerikanischen Raum das Thema Nähe und Distanz per se einen anderen kulturellen Boden hat, stellt sich laut Goffee und Jones auch dort die wichtige Frage nach der angemessen Distanz und Nähe in der Führung.

Wer mit Charisma und Empathie führen will, der kommt um ein gesundes Maß an persönlicher Nähe und Vertrautheit nicht (mehr) herum. Ohne tiefer auf die Hintergründe einzugehen würde ich dieses Bedürfnis geradezu als einen gesellschaftlichen Trend bewerten. Der Wunsch mit denen in Verbindung zu stehen, die einem etwas bedeuten ist dabei nicht neu, scheint aber aktuell eine regelrechte Renaissance zu erleben.

Wie auch immer man zum „DU“ im Büro stehen mag und wie viel Nähe zu anderen Menschen man selbst auch als angenehm empfinden mag – jede Führungskraft sollte sich bewusst machen, in welcher Weise sie mit Nähe und Distanz umzugehen vermag. Wo der eine möglicherweise in der Tendenz ist, private Freundschaften und distanzlose kommunikative Nähe zu seinen Mitarbeitern aufzubauen, mag ein anderer sich allzu gerne in seine hierarchische Rolle flüchten, die für unterkühlte Distanz und gefühlte Abweisung sorgt.

Die eigentliche Kunst ist es, die volle Bandbreite aus Nähe und Distanz kennen und leben zu können. Das kommt nicht über Nacht, kann aber sehr wohl erlernt werden.

Kommuniziere – mit Bedacht

Beim Thema Kommunikation kommt letztlich alles zusammen, was gutes Führen ausmacht. Gelungene Kommunikation braucht Empathie, Klarheit, Angemessenheit, Emotionalität und vieles mehr von dem, was in den vorherigen Abschnitten angeklungen ist. Goffee und Jones haben dazu eine ganze Reihe von Fallbeispielen und Aspekten zusammengetragen, die deutlich machen, wie komplex ein ausgewogenes Kommunikationsverhalten ist.

Aus meiner eigenen Erfahrung sehe ich drei wichtige Schwerpunkte:

1)     Kommunikation heißt vor allem, dass man sie tut.
Damit meine ich, dass es kaum ein Zuviel an Kommunikation geben kann. Wer möchte, dass eine Nachricht auch nachhaltig durchdringt, der muss seine Botschaft mehrmals in verschiedenen Zusammenhängen vermitteln. Viel zu oft fallen Ausdrücke wie „Das habe ich doch bereits erklärt“ oder „Ich hatte angenommen, dass sie bereits informiert wurden“.
Die richtige Schlussfolgerung ist: Lieber einmal häufiger als zu selten miteinander reden. Und: Wer gehört werden will, sollte auch verstanden werden wollen.

2)     Kommunikation ist dialogisch.
Die allermeisten Manager (ich nehme mich da nicht grundsätzlich aus) sind statistisch belegbar eher narzisstische Persönlichkeiten. Die Tatsache, dass sie sprechen, halten sie alleine schon für Kommunikation. So hart das klingt: die Defizite in der Kommunikationskultur vieler Unternehmen sind kein Mangel an Gesprochenem – sie sind vielmehr der Mangel an dialogischer Kultur. Hier kommt unter anderem auch die Empathie wieder ins Spiel. Wer den Empfänger der Botschaft im Blick hat oder besser noch, sich in ihn hineinversetzen kann, der wird nicht nur leichter kommunizieren, sondern auch authentischer führen.

3)     Sprache ist mächtig.
Es ist schon verblüffend: Obwohl wir alle schon einmal unter Verbalattacken haben leiden müssen und somit um die Brutalität von Worten wissen, scheuen wir uns –speziell als Führungskräfte- bisweilen nicht, auch in die unterste Schublade der verbalen Gemeinheiten zu greifen. Ein besseres Bewusstsein für die Verletzungen und Beschädigungen die wir damit anrichten wäre ein großartiger Schritt in eine bessere –und authentischere- Führungskultur.

Gerne verweise ich hierbei im übrigen auch auf den thematisch passenden Artikel „Stille Post in der Führungsetage;-)

Authentisches „Geführtwerden“

Zu guter Letzt nehmen die Autoren auch die Sicht der Untergebenen ein und stellen die Frage, was gute Leadership aus Sicht derjenigen bedeutet, die es letztlich betrifft und ohne deren Zutun und Annehmen keine Veränderung oder Bewegung möglich ist.

In vier Punkten lässt sich diese Erwartung zusammenfassen:

  • Authentizität – Führungskräfte sollen echt sein; Lügner und Betrüger gibt es in Unternehmen schon genug.
  • Bedeutsamkeit – Manager sollten in der Lage sein, jedem Einzelnen die Bedeutung seines Tuns für das große Ganze aufzuzeigen
  • Begeisterung – In jedem brennt die Flamme der Leidenschaft. Gute Führer entfachen diese – idealerweise für das gemeinsame Ziel
  • Gemeinschaft – Auch wenn es in manche Unternehmen verpönt scheint; jeder Mitarbeiter möchte den großen Teil seiner Lebenszeit, den er im Job verbringt gerne mit Menschen verleben, die es gut mit ihm meinen.

Mir gefällt diese Zusammenstellung sehr gut, da diese vier Bereiche für mich den Kern dessen treffen, was Motivation und „Flow“ im Job ausmachen.

Wer nun neugierig auf das Buch geworden ist, der kann es hier direkt bestellen. Wer sich vom einen oder anderen Aspekt dieses Artikels angesprochen oder herausgefordert fühlt der darf gerne einen Kommentar hinterlassen oder mir schreiben :-)

Nov 21 2010

Was Macht macht

“Ein Ring sie zu knechten,
sie alle zu finden,
ins Dunkel zu treiben
und ewig zu binden.”

Na, wer hat’s erkannt? Richtig! Das ist die Inschrift in Saurons Ring der Macht aus Tolkiens “Herr der Ringe”. Ich gebe zu, dass die Verbindung zwischen Mittelerde und Wirtschaftsethik nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, aber es gibt sie. Das Stichwort lautet: Macht!

Um es vorweg zu sagen. Ich glaube, dass das “Konzept Macht” etwas zutiefst Menschliches ist. In Herden lebende Säugetiere brauchen Strukturen für ein funktionierendes Zusammenleben und diese Strukturen sind letztlich fast immer Machtstrukturen. In einem wohlverstandenen Sinne kann man also gegen Macht an sich gar nichts einwenden.

Macht kann Menschen verändern

Mir geht es hier auch nicht um eine kritische Betrachtung des Missbrauchs von Macht. Häufig geht es bei solcher Kritik an “den Mächtigen” um gesellschaftliche und moralische Fragen von grundlegender Bedeutung – davon lasse ich (zumindest hier ;-)  ) mal lieber meine Finger.

Was mich fasziniert ist die Frage, wie Macht Menschen verändert. Und da sind wir wieder zurück beim “Herr der Ringe”. Wer Buch oder Film verfolgt hat, wird sich an die starke Versuchung erinnern, die der Ring der Macht auf die Menschen von Mittelerde ausübt. Dieses Leitmotiv, welches sich durch alle Bände der Trilogie zieht, spiegelt sehr anschaulich, was Macht macht.

Im Roman sind die Charaktere zwei Lagern zuzuordnen: Auf der einen Seite sind dort jene, die die Macht des Ringes -in bester Absicht- für die Verteidigung ihres Volkes einsetzen wollen. Einer von ihnen ist Boromir, der in dem Versuch die Macht an sich zu nehmen die gesamte Mission gefährdet und letztlich sein Leben lässt.

Auf der anderen Seite stehen die Besonnenen – Aragorn, Faramir und die Elben. Sie wissen, dass es keine Alternative sein kann, den Ring zu nehmen. Warum? Ihnen ist klar, dass der Preis, den sie zu zahlen hätten zu hoch wäre. Sie wissen, dass die Macht des Ringes jeden, der ihn an sich nimmt bis zur Unkenntlichkeit ins Böse hinein verändert.

“Der Herr der Ringe” in der Praxis: Sollte man Macht anstreben?

Mir ist natürlich völlig bewusst, dass sich ein fiktives Fantasy-Szenario nicht unbedingt durch Realitätsnähe auszeichnen muss – aber die grundlegende Vorstellung, dass Macht denjenigen verändert, der sie besitzt ist alles andere als Fiktion. Leider ist es so, dass man die negativen Effekte, die Macht meist mit sich bringt, vor allem bei anderen erkennt. Jeder von uns hat sich schon einmal über Machtmenschen in Politik und Wirtschaft aufgeregt und vermutlich braucht es kein langes Nachdenken, bis einem Zeitgenossen einfallen, denen man ohne weiteres bescheinigen würde, dass die Macht, die sie tragen sie zum Negativen verändert hat.

Ich persönlich glaube: Egal wie gut man über sich selbst denken mag – jeder Mensch ist anfällig für die “dunkle Seite der Macht”. Genau genommen ist die Ausübung von Macht ja fast immer auch mit unschönen Konsequenzen für Einzelne verbunden. Selbst diejenigen, die ihre Machtposition zum Wohl für möglichst Viele nutzen wollen, werden mit ihren Entscheidungen nicht immer alle Menschen glücklich machen können. Nicht umsonst schrecken auch in der realen Welt so manche zurück vor allzu viel Macht und der damit einhergehenden Verantwortung.

Wie lässt sich mit Macht umgehen?

Mal angenommen, die These stimmt und niemand kann gänzlich unbeeinflusst und durchweg positiv mit verliehener Macht umgehen – was wäre dann die richtige Konsequenz daraus? Wäre es ethisch richtiger, sich dann erst gar nicht mit der Macht einzulassen? Wer kommt dann “an die Macht” und wird es dann besser oder schlechter, als wenn ich mich selbst um einen Teil der Verantwortung bemühe? Wer oder was sagt mir, welchen Preis ich für die Übernahme einer macht-vollen Rolle zu zahlen habe? Und wenn ich schon in einer Machtposition bin: Woran erkenne ich, wie sehr mich dies vielleicht verändert hat?

Ein paar -vielleicht zu kurze- Antwortversuche:

  • Manchmal gilt tatsächlich: Besser ich mach’s, als jemand anderes. Wer überwiegend gute Absichten hegt und ein gesundes Wertegerüst besitzt, der wird nicht völlig fehlgehen
  • In der Tat ist die untrennbare Kombination aus Macht und Verantwortung bisweilen undankbar und -wenn man z.B. an Politik denkt- auch unbeliebt. Der Ersatz für den bisweilen fehlenden Ruhm darf aber nicht durch einen Lustgewinn aus dem Gefühl der “Macht über Andere” kommen – hier sollte jeder mit Ambitionen sein Herz befragen (auch wenn das antiquiert klingt…)
  • Wie so oft gilt: Wer sich regelmäßig hinterfragt und sein Tun reflektiert, der hat bessere Chancen, der dunklen Seite aus dem Weg zu gehen. Dabei ruhig Hilfe von außen in Anspruch nehmen, sonst geht es leicht schief.
  • Auch der Sozialismus hatte einen -teils besonders dunklen- Machtapparat. Zu glauben, dass nur unsere politische und wirtschaftliche Grundordnung den Nährboden für die Konzentration von Macht bietet scheint mir naiv.
  • Zu guter Letzt: Evolutionär betrachtet sind wir immer noch Säugetiere wie viele andere auch. Damit die Herde funktioniert, gibt es Rangordnungen und die darin verteilte Macht. Neben allem was dabei schief gehen kann, verschafft es jedem am Ende aber auch seinen Platz gemäß seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten. Wer dabei “oben” und “unten” immer nur mit “besser” und “schlechter” übersetzt und in übertriebener Form nach Gleichmacherei ruft, der springt nach meiner Meinung zu kurz. Das klingt vielleicht ketzerisch, ist aber ganz bestimmt nicht ideologisch gemeint.

Ich kann nicht widerstehen und schließe diesen Artikel mit “Möge die Macht mit Dir sein” ;-)

Nov 11 2010

Grosse Wellen oder Wie wächst der Westen?

Wenn man der Theorie der großen Konjunkturzyklen von Kondratieff Glauben schenken mag, dann wird mittelfristiges Wachstum vor allem durch die Beseitigung von Engpässen ermöglicht. Solange es keine neuen Basisinnovationen gibt, die den jeweils vorherrschenden Engpass beseitigen, kann es kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum geben. Wenn das stimmt, was ist dann der aktuellen Engpass? In welchen Feldern von Wissenschaft und Wirtschaft muss sich etwas bewegen, damit wir nicht in eine große Depression schlittern?

Diesmal will ich einen Ausflug auf die offene See wagen – nicht wörtlich natürlich, aber da es um große Wellen geht, finde ich das Bild ganz passend. Die Wellen von den die Rede sein soll, sind die großen Konjunkturzyklen, die erstmalig 1926 von Nikolai Kondratieff beschrieben wurden. An den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten führt diese Theorie eher ein Schattendasein, nicht zuletzt weil es statistisch ausgesprochen schwierig ist, die Existenz dieser langen Wellen schlüssig zu belegen.

Im Kern geht es bei Kondratieff um die Frage, durch welche Umstände die wirtschaftliche Entwicklung bisweilen grundlegend ins Stocken gerät und was umgekehrt diese Umstände wieder auflösen kann. Natürlich gibt es viele andere Einflüsse auf Wachstum, wie z.B. Kriege, politische Krisen, spekulative Blasen etc. – neben alldem sind es nach Kondratieff aber zunächst einmal grundlegende Paradigmenwechsel, die die Basis für wirtschaftliche Entwicklung schaffen; diese nennt er Basisinnovationen.

Kondratieff-Zyklen (stilisiert)

Wenn man sich erst einmal auf das Gedankenmodell Kondratieffs einlässt, entdeckt man spannende Hintergründe, die zu betrachten sich lohnt! Es geht um nicht weniger als die Frage, wie langfristiges Wachstum entsteht.

Wie entsteht Wachstum?

Vielleicht erinnern sich einige: Wachstum ist die Zunahme des Bruttoinlandsproduktes in einem bestimmten Zeitabschnitt zum Vergleichszeitraum. In der Regel als Nettowachstum berechnet, sind nominale Steigerungen durch Inflation also herauszurechnen.

Was wissen wir eigentlich sicher über den Umstand dieser Zunahme der abgesetzten Produkte und Dienstleistungen? Im Grunde nicht so wahnsinnig viel, denn bis heute gibt es keine vollständige Klarheit darüber, was Wachstum im Kern antreibt, wenn wesentliche Bedürfnisse bereits befriedigt sind. Die neoklassische Weltsicht meint, dass freie Märkte und eine wachsende Angebotsseite helfen, die nachfrageorientierten Strömungen wollen vor allem Staat und Arbeitnehmer mit ausreichenden Mitteln ausstatten.

Es ist wohl klar, dass keine Seite gänzlich ohne die andere funktionieren kann, aber letztlich bleiben beide Denkschulen nur theoretische Modelle, die eher Phänomene als Ursachen beschreiben – nichts davon erklärt schlüssig, was passiert, wenn es einmal über längere Zeit nichts zu verteilen gibt; wenn also Stagnation oder Rückgang stattfinden, weil es weder auf der Angebots- noch auf der Nachfrage-Seite neue Impulse gibt.

Wie immer in der Volkswirtschaft müssen wir für den weiteren Gedankengang einige Faktoren ausblenden. Will sagen: In unserem kleinen Modellversuch gibt es weder Außenhandel (der in den letzten Jahren manches Wachstumsproblem –zumindest in Deutschland- durch Export-Steigerungen kompensiert hat), noch liegen psychologische Faktoren vor (also z.B. die Angst vor drohendem Jobverlust etc.). Ohne Vereinfachung geht es in der Modellbildung einfach nicht.

Wo also wird nun der nächste Wachstumsimpuls herkommen? Was bringt entweder die Anbieter oder die Nachfrager in Wallung? Wenn nicht gerade spekulative Blasen oder andere emotionale Ereignisse –sachlich unbegründete- Dynamik entfachen, so kann es nach Kondratieff eigentlich nur ein neuer –in seiner Sicht technologischer- Druchbruch sein, der die Produktion und damit die gesamte Angebotsseite verändert. Der Wettbewerb steigt, Preise können sinken, Poduktivitätszuwächse können (gerecht) verteilt werden und die Nachfrage steigt à Wachstum!

Ohne auf die historischen Zyklen einzugehen, gibt es eine Menge Anzeichen dafür, dass diese Logik in einer industriell geprägten Wirtschaft tatsächlich funktioniert. Immer dann, wenn ein bestehender Engpass bei Produktionsfaktoren technologisch aufgelöst werden konnte, hat sich mittelfristig auch Wachstum eingestellt. Das gilt für die Erfindung der Dampfmaschine, des mechanischen Webstuhls, des Automobils und der Computer gleichermaßen.

Wenn man diese Grundannahmen als Denkmodell akzeptiert, stellt sicht die spannende Frage, ob und wie diese Logik auch in der Ökonomie des 21. Jahrhunderts anwendbar ist. Was sind in den westlichen Dienstleistungs-Gesellschaften eigentlich Engpassfaktoren? Wie könnten erforderliche Basisinnovationen aussehen, die in Europa und der übrigen westlichen Welt wieder Wachstum hervorrufen, welches unabhängig ist von Exporten in wachsende Volkswirtschaften von Schwellen- und Entwicklungsländern?

Wo entsteht zukünftig Wachstum?

Es wird allenthalben viel über diese Frage spekuliert und der Auslöser dafür ist weiß Gott nicht unbedingt das Kondratieff’sche Grundmodell. Viele sehen in Branchen wie Biotechnologie und alternativen Energien das Potential für große Basisinnovationen. Und zweifellos: In diesen technologisch-industriellen Bereichen von wird sich viel tun (müssen). Für den engeren, aber wichtigen Bereich der Dienstleistungen stellen sich aber ganz andere Herausforderungen.

Ein Blick in heraufziehende Engpässe und Problemfelder macht dies am Beispiel Deutschlands deutlich:

1)   Fachkräftemangel, Integration & Bildung
Aktuelle Zahlen der Arbeitgeberverbände weisen rd. 400 Tsd. offene Stellen für Fachkräfte, insbes. Ingenieure aus. Tendenz steigend. Da Integration und gesteuerte Zuwanderung als Lösungswege in Deutschland offenbar nur schwer gelingen, wird uns das Problem noch gewaltig Kopfzerbrechen bereiten!

2)   Körperliche Gesundheit und Arbeitskraft im Alter
Um das heutige Rentenniveau bei gleichen Beitragssätzen halten zu können, müsste nach Berechnungen des Ifo-Instituts die Altersgrenze auf 77 Jahre heraufgesetzt werden. Gleichzeitig steigt der Aufwand für medizinischen Versorgung im Alter jährlich an – absolut und pro Patient!

3)   Geistige Gesundheit & Vorsorge
Völlig unterschätzt wird das Feld der psychischen Gesundheit. Während die Erwartung an lebenslanges Lernen und seelisch-körperliche Eigenvorsorge (Ernährung, Bewegung, mentale Fitness etc.) massiv steigt (s. 2.), hinkt die gesellschaftliche Wahrnehmung hierzu ebenso massiv hinterher. Nicht erst seit Robert Enkes tragischem Selbstmord sollte klar sein, dass  Depression und andere psychische Krankheiten sich mitten in unserer Gesellschaft ausbreiten. Andere Tendenzen, wie z.B. eine extreme Zunahme narzisstischer Störungsbilder (vgl. amerikanische Langzeitstudien) kommen verschärfend hinzu.

Weil Dienstleistungen in allererster Linie etwas mit den ausführenden Menschen zu tun haben, sind diese Bedrohungen sehr real und näher als wir denken. Denn: wenn die handelnden Personen nicht vorhanden oder nicht ausreichend leistungsfähig sind, dann ist der wirtschaftliche Engpass –nicht nur im Wachstumsfeld Dienstleistungen- die automatische Folge!

These: Ohne ausreichend leistungsfähige Menschen keine Wachstum!

Wem das nun zu banal vorkommt, der sollte sich m.E. die Zahlen ansehen: Demografische Entwicklung, Wachstum im Inland, Abschneiden bei PISA – Jedes Thema für sich ist ein Problem; in der Summe nähern wir uns einem Desaster! Wie das aussieht, kann man in Ansätzen seit etwa der Jahrtausendwende in Japan beobachten. Wahrlich keine inspirierende Perspektive.

Kondratieffs Weltsicht lässt nur einen vernünftigen Schluss aus diesem Dilemma zu: Uneingeschränkte Förderung aller Maßnahmen, die den Engpass beseitigen.

Was heißt das konkret für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Eine der vornehmsten Aufgaben von Politik und Gesellschaft sollte die Überarbeitung der Integrations- und Zuwanderungspolitik sein. Auch und gerade weil dieses Thema derzeit eine ganz ungute Entwicklung in Richtung Volkstümelei und Rechtsruck nimmt, müssen die aufgeklärten gesellschaftlichen Kräfte gegenhalten. Mit der Brechstange ist ein neuer gesellschaftlicher Konsens freilich nicht zu bekommen. Hier bedarf es einer klugen Informations- und Kultuspolitik über Parteigrenzen und Legislaturperioden hinaus – zumindest die Hoffnung darauf will ich mir nicht nehmen lassen.

Eine neue gesellschaftliche Säule: Mentale Vorsorge

Während der vorgenannte Aufgabenblock zumindest also solcher erkannt ist und seinen Weg in Öffentlichkeit genommen hat, gibt es einen weiteren, der offenbar noch nicht so sehr „auf dem Schirm“ ist: Die mentale Gesundheit.

Nicht erst seit „Dr. Kawashimas Gehirnjogging“ ist bekannt, wie stark die geistige Leistungsfähigkeit die gesamte Gesundheit des Menschen beeinflusst. Das Feld der geistigen Gesundheit ist aber weitaus größer. Als wichtiges Beispiel sei hier z.B. das Thema Burn-out bzw. die Prävention desselben genannt. Man muss nicht erst die Analysen zum jährlich sinkenden Krankenstand oder der Zunahme berufsbedingter psychischer Erkrankungen ansehen um zu begreifen, dass der Druck, dem sich Arbeitnehmer heute ausgesetzt sehen stetig gestiegen ist. Auch wenn die Ursachen vielfältig sind, gibt es doch einige „gute Ratschläge“ die ich aus Sicht eines Coachs und Managers zum Ende dieses Artikels Arbeitgebern und Beschäftigten gleichermaßen und allgemeingültig mitgeben möchte:

  • Sorge für Reflektion! Nur wer in der Lage ist, sein Innenleben angemessen zu Beobachten und zu Bewerten, kann Signale für Überforderung und beginnenden Burnout frühzeitig erkennen. Sei es Yoga, seien es mentale Techniken aus der Psychotherapie und Beratung, seien es ausreichend persönliche Gespräche in- und außerhalb des Jobs: Der Blick nach innen ist unerlässlich!
  • Achte auf Dein Leistungsvermögen! Nur wenn sich Vorgesetzte und Mitarbeiter auch Grenzen eingestehen, können sie systematischer Überforderung entgehen. Eine Unternehmensleitung, die das Eingeständnis von Grenzen als Schwäche abtut, vergibt die Chance für eine nachhaltige und „gesunde“ Mitarbeiterentwicklung“. Höher, weiter, schneller um jeden Preis – das sind Prinzipien von gestern!
  • Mehr Balance! Work-life balance ist nicht ohne Grund zu einem Trend-Thema avanciert. Kein Job der Welt kann ausreichen, alle menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen. Das private Leben mit Familie und Freunden, Sport und Hobbies ist zwingender Ausgleich – wer das missachtet, entlädt auf die Dauer seine Batterien.
  • Mehr Vertrauen! Im Zweifel ist jedem Einzelnen in seinem Job mehr zuzutrauen als (wir) Manager gemeinhin zugestehen. Gutes Management braucht Delegation; Delegation braucht Vertrauen; Vertrauen schafft Motivation und Erfüllung. Besser geht’s nicht!

Das alles ist nicht mehr als ein kleiner Ausschnitt aus dem Fundus dessen, was helfen kann, die westlichen Volkswirtschaften „fit“ zu machen für die großen anstehenden Veränderungen und Herausforderungen. Menschen mit dem Blick für das große Ganze sind gefragt, an diesem neuen gesellschaftlichen Grundkonsens mitzuarbeiten. Bisher steht – trotz aller Beteuerungen – der Mensch und sein Potential nicht wirklich im Mittelpunkt der Betrachtung. Wenn die moderne Interpretation von Kondratieffs Sicht auf Engpässe und Innovationen aber stimmt, dann täten wir gut daran von „Humanressource“ auf „Faktor Mensch“ umzuschalten! Nur so lässt sich auf den stürmischen Wellen der rauer werdenden See weiterhin erfolgreich segeln.